Club Voltaire -
Soziokultur zwischen Tradition und Zukunft

Als der Club Voltaire vor ungefähr 30 Jahren gegründet wurde war die Idee einer soziokulturellen Einrichtung in den Anfängen. Der Club stand im Sog der Studentenbewegung 1968, die den verkrusteten Kulturbegriff verändern und erweitern wollte: Kultur sollte nicht mehr reserviert bleiben für ein kleines elitäres Publikum und vor allem: Kultur sollte auch politisch sein.
Vor diesem Hintergrund entstand das "Experiment Soziokultur": eine aufklärerische, "selbst"gemachte Kultur von unten.
Trotz vieler Erfolge blieb es schwierig, ein nicht-kommerzielles, nicht auf Mainstream ausgerichtetes Programm zu machen. Darüberhinaus wurde der Kulturbereich im Lauf der Jahre von zahlreichen Haushaltskürzungen betroffen.

Das Programm des Club Voltaire begann mit kleineren Filmreihen bis es dann im Dezember 1972 zum ersten Konzert mit Samy Vomacka kam. Der Club gewann in den folgenden Jahren allmählich das Profil eines unabhängigen Kulturzentrums. Ziel war es stets, ein innovatives, lebendiges Programm zu gestalten, in dem Fragen zu Kultur und Ästhetik innerhalb ihrer gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aufgeworfen wurden. Beiträge, die in den ersten Jahren der Club-Voltaire-Geschichte noch als Provokation gegolten hatten sind heute als ein fester Bestandteil unserer Kultur anerkannt.
Langjähriger Höhepunkt des Club-Voltaire-Programms war das 1975 erstmals organisierte "Tübinger Folk- und Liedermacher Festival", das sich schnell zu einem echten Themenfestival entwickelte. International anerkannte Stars traten im Rahmen dieser Großveranstaltungen u.a. auf dem Tübinger Marktplatz auf und brachten eine Weltschau in die Region, die auch bundesweit Beachtung fand. Auf dem Höhepunkt dieser Arbeit erhielt der Club 1985 den Kulturpreis der Kulturpolitischen Gesellschaft für sein Programm. Ende der 80ger Jahre zwangen finanzielle Einschränkungen den Club schließlich, sein Festivalprogramm auf Eis zu legen. Kürzungen des städtischen Zuschusses über Jahre hinweg schränkten die Programmplanung in der Folgezeit stark ein.
Die Konsequenzen für den Club lagen in der Rückkehr zu einem Programm, das sein Potential aus der lebendigen lokalen Szene schöpft: frei improvisierte Musikprojekte, Regionalbands, junge Künstler, Multimediale Projekte, Film- Theater- und Literaturperformances und die tradtitionellen Programmpunkte aus dem 3.-Welt-Bereich.
Der Club Voltaire bietet so eine kulturelle Plattform, die in ihrer Vielseitigkeit eine immer stärkere Dynamik entwickelt.

Geschichte des Clubs-
die letzten 30 Jahre

März 1970
Gründung des Club Voltaire.

1971
Zur Durchführung eines Filmprogramms wird der Filmclub "Cinemathek am Haagtor" mit dem 1. Vorsitzenden Stefan Paul gegründet.

1972
Die Räume werden ausgebaut und im November findet das erste Konzert mit Sammy Vomacka statt.

1973
Folkkonzerte, die grossen Anklang finden, unter anderem mit Dieter Strobel, Mike Cooper und Werner Lämmerhirt.

1974
Der Club etabliert sich als "parteiunabhängiger Kulturclub", mit Auftritten von John Pearse, Lerryn, Tommie Bayer, Uli Keuler und Thomas Felder.

1975
Das 1. Tübinger Folk- und Liedermacher Festival ist der angloamerikanischen Szene gewidmet, Zupfgeigenhansel, Martin Kolbe und "Poesie und Musik" sind zu Gast.

1976
Das 2. Festival widmet sich dem politischen Lied. Die Künstler Walter Mossmann und Lutz Görner sind zwei Bedeutende, die sich damit auseinandersetzen.

1977
10 Jahre nach der Studentenbewegung findet das 3. Festival mit "Tanz unter dem Freiheitsbaum" statt, bei dem die neue italienische Musikszene gefeiert wird.

1978
Das 4. Festival findet in Erinnerung an den ermordeten Chilenen Victor Jara statt, einem der Hoffnungsträger politischer Kulturbewegungen. Konzerte unter anderem mit Peter Finger, Thomas Felder und Sonja Kehler.

1979
Beim 5. Festival zum Thema "2. Kultur heute" ist neben den Musikern Yamashita, Maccina Macceronica, Ina Deter, Gruppo Folk und den Puhdys auch Günter Wallraff zu Gast.

1980
Das 6. Festival steht im Zeichen von Wolf Biermann. Es finden Konzerte unter anderem mit David Qualey und Schröders Roadshow statt.

1981
Beim 7. Festival wurden 30 000 DM für eine Indianeruniversität in Nicaragua gesammelt. Musiker in diesem Jahr sind u.a. Los Jaivas, Bots, Die Erste Allgemeine Verunsicherung und die Schmetterlinge.

1982
Das 8. Festival befasst sich mit der Friedensbewegung, für die sich Dollar Brand, die 3 Tornados, Väterchen Franz und Hannes Wader musikalisch stark machen.

1983
Das Afrika Festival wird ein überwältigender Erfolg und die Konzerte mit Linton Kwesi Johnson, Anne Haigis, Konstantin Wecker und Walter Mossmann zur Legende.

1984
Das 10. Festival findet für die "Weisse Rose" statt, wobei die politische Auseinandersetzung mit der neuen Rechten den Club stark fordert. Mühsam muss das Club-Schiff hinterher wieder auf Fahrt gebracht werden. Musikalisch gibt es nur einen Namen auf dem Festival, Mercedes Sosa! Alice Schwarzer sorgt thematisch für die Linie.
Im Juli geniessen 10 000 das Konzert von BAP, es ist die grösste Einzelveranstaltung des Clubs.

1985
Das 11. Festival steht ganz im Zeichen des "anderen Amerika", das sich als ein programmatischer Drahtseilakt herausstellt. Der Club erhält den Kulturpreis der Kulturpolitischen Gesellschaft. Im Jahresprogramm zu Gast: Miriam Makeba und Günter Wallraff.

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1986
Mikis Theodorakis feiert beim 12. Festival einen Riesenerfolg. Highlights des Jahresprogramms sind Auftritte von Gerhard Polt und den Biermösel Blosn, Lydie Auvray und des Frankfurter Kurorchesters.

1987
Das 13. Festival ist ein Ausflug in die Welt der Postmoderne. Auf einer riesigen Bühne tritt erstmals die Peking Oper open air auf. Der Protest gegen Atomwaffentests bestimmt die politische Diskussion.
Weitere Konzert-Höhepunkte des Jahres: Klaus Lage, Willie Colon und die Mehlpriemeln.

1988
Finden erstmals die Tübinger Tanz-Theater-Tage statt, bei denen der Star der Szene -Susanne Linke- Massstäbe setzt.
Das Festival feiert die 68er Bewegung mit Gästen wie Bommie Baumann, John McLaughlin und der San Francisco Mime Troupe.
Das Literaturcafe etabliert sich mit Veranstaltungen über Walter Serner, Pasolini und die Literaten Irlands.
Im Jahresprogramm traten Joachim E. Berendt, The Klezmorin, Rossy und Eberhard Weber auf.

1989
Das 15. Festival ist dem Revolutionsjubiläum Frankreichs gewidmet und präsentiert die neue französische Musikszene, wobei der Star der zahlreichen Gäste Cheb Kader heisst.
Die Tanz-Theater-Tage blicken nach Prag, Wien und Zürich, das LTT kann den Ansturm kaum fassen.
Im Literaturcafe stehen vermehrt Eigenproduktionen auf dem Programm.
Im Rahmen des Jahresprogramms war mit Sprut erstmals eine russische Rockband zu Gast.

1990
Die Öffnung des Ostblocks bringt viele Gäste aus Polen, Ungarn, Bulgarien, Russland und Rumänien zum 16. Festival. Der unumstrittene Star der Veranstaltung ist die Pianistin Aziza Mustafa Zadé.
Die Tanz-Theater-Tage sind der französischen Avantgarde gewidmet und werden dabei eine feste Kulturadresse in Deutschland.
Das Herbstprogramm sieht mit Musik aus Simbabwe, der 5. Anglo-Irischen Folknacht sowie Literaturveranstaltungen zur Türkei und Oskar Wilde seine Höhepunkte.

1991
Die Veranstaltungsreihe in diesem Jahr begann mit Auftritten von Hanns-Dieter Hüsch und Ralf Illenberger Circle.
Eine grosse Gemeinschaftsveranstaltung aller Tübinger Kulturinitiativen wendet sich gegen den Golfkrieg.
Die 4. Tanz-Theater-Tage stehen unter dem Motto "Europe meets Japan" und bilden den Höhepunkt der Veranstaltungsreihe.
Beim 17. Festival sind unter anderem Mothers Finest und Willi de Ville zu Gast.
Das Herbstprogramm wird gestaltet durch Gerhard Polt und Biermösl Blosn, eine weitere Folknacht, Konzerte zu Blues und Jazz sowie eine Kabarettreihe in Zusammenarbeit mit dem Sudhaus, bei der u.a. Miki Malör zu Gast ist.

1992
Die Tanz-Theater-Tage kommen nur mühsam in Schwung, dafür überzeugt das Literaturcafe umso mehr mit Tahar Ben Jelloun im Sudhaus.
Das 18. Festival kann gerade noch einmal durchgeführt werden, diesmal in Zusammenarbeit mit Jazzclub, den Französischen Filmtagen und Jazz im Prinz Karl.
Neue Akzente werden durch das Medienkunstfest und Auftritte von Richard Rogler und Dieter Hildebrand gesetzt.

1993
Dieses Jahr beginnt und endet ganz im Zeichen des Kabaretts mit Künstlern wie: Gregor Lawatsch, Georg Schramm, Reiner Kröhnert, Sigi Zimmerschied, Christof Sonntag. Die Musik steht im Zeichen der Avantgarde mit Elliot Sharp.
Charlotte von Mahlsdorf bildet den Höhepunkt des Literaturcafes im LTT.
Bei den Tanz-Theater-Tagen sind Gäste aus Köln, Berlin, New York und Paris zu Gast.
Eine Veranstaltung der besonderen Art widmet sich dem "Kunstwerk Fussball" mit Dieter Hoeness im Zentrum.

1994
Eine Kabarettreihe, 2 Folkkonzerte, Résonance und Ann Triskell eröffnen das Programm dieses Jahres.
Mit dem Reflective Theatre aus London werden völlig neue Massstäbe gesetzt.
Die Tanz-Theater-Tage finden, trotz grossem Zuschauerzuspruch, zum letzten mal statt mit dem Ensemble Ki-Yi M'Bock von der Elfenbeinküste.
Im Herbst liegt der Schwerpunkt auf der Begegnung mit Brasilien sowie dem 300. Geburtstag Voltaires - in Zusammenarbeit mit dem Institut Culturel Franco-Allemand in der Uni-Bibliothek.

1995
Das Musikprogramm im Club erlebt mit neuen Reihen wie "Noise Art" (NIET), "Grooves in the Club" und der neuen "House"-Musik einen ungeahnten Aufschwung. Experimentelles Theater und Lesungen (Peter Paul Zahl) sowie eine Filmreihe zu Kurdistan runden das Jahresprogramm ab. Höhepunkt aber ist ein mittlerweile legendärer Auftritt von Gerhard Polt und den Biermösel Blosn in der Mensa.

1996
Die Disco-Welle lässt auch den Club im Techno- und Afro-Beat-Rhythmus wackeln. Schwerpunkt der 3.Welt-Themen ist in diesem Jahr Peru mit Filmen, Vorträgen und dem Konzert von "Los Mojaras". Das Theaterprojekt "Marianne und Friederike" von Dietmute Zlomke und Carola Schwelien sowie ein Kafka-Projekt setzen weitere Höhepunkte.

1997
Das "Cine Latino" als neues Gemeinschaftsprojekt zieht die Zuschauer in Massen an. "Klaus der Geiger" setzt alte Traditionen fort und das Kino widmet sich den Science-Fiction-Klassikern. Literatur, Musik und Theater stehen im Zeichen des Kulturaustausches mit Dresden: unvergessen der "HO-Mann".

1998
Das Projekt des Jahres ist der Versuch mit Club-Konzerten Rockgrössen einmal hautnah zu erleben. Mit der "music-factory" zusammen wird der Club von den Zuschauermassen förmlich überrollt: Niki Sudden sollen 120 Besucher erlebt haben. Das war zuviel und im Herbst muss das Projekt gestoppt werden. "Verrückt nach Licht" heisst das grösste Konzert mit Grupo Sal und Dorothee Sölle in der Stiftskirche.

1999
Im Club sind die Kleinkunst (Rolf Linnemann) und ein grosser Mexiko-Schwerpunkt neben dem laufenden Programm präsent. Künstlerische Höhepunkte: das "Camp-Festival" des Niet im Sudhaus und die neuen Jazz- und Klassiktage (Trio con Brio). Die Zusammenarbeit mit Grupo Sal bringt ein weiteres Stiftskirchenkonzert zustande.

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